Von Pflege 4.0 zu Pflege 5.0?
Noch bevor viele Gesundheitseinrichtungen die Digitalisierung der Pflege vollständig umgesetzt haben, taucht bereits der nächste Begriff auf: Industrie 5.0. Und während wir noch über Pflege 4.0 diskutieren, sprechen Technologiedebatten bereits von Industrie 6.0.
Industrielle Revolutionen und was sie für die Pflegeinformatik bedeuten
Der Begriff „Pflege 4.0“ tauchte vor einigen Jahren immer häufiger in Diskussionen rund um Digitalisierung und Innovation im Gesundheitswesen auf. In einem früheren Beitrag auf diesem Blog habe ich mich bereits mit diesem Konzept beschäftigt und versucht zu zeigen, wie stark sich die Entwicklungen der Industrie auch in der Pflege widerspiegeln.
Die Idee dahinter ist einfach: Technologische und gesellschaftliche Veränderungen verlaufen oft in größeren Entwicklungsschritten, die wir rückblickend als industrielle Revolutionen beschreiben.
Diese Entwicklung betrifft längst nicht mehr nur Produktionsprozesse – sie beeinflusst auch, wie wir Gesundheitssysteme organisieren, wie Pflege dokumentiert wird und welche Rolle Daten und Technologien in der Versorgung spielen.
Gerade für die Pflegeinformatik bietet dieser Blick auf die industriellen Revolutionen eine interessante Perspektive.
Die industriellen Revolutionen als Orientierung
Die industrielle Entwicklung wird häufig in mehrere Phasen eingeteilt:
Industrie 1.0 – Mechanisierung
Die erste industrielle Revolution begann im 18. Jahrhundert mit der Mechanisierung durch Wasser- und Dampfkraft. Produktionsprozesse wurden erstmals maschinell unterstützt.
Industrie 2.0 – Elektrifizierung und Massenproduktion
Mit der Elektrifizierung und der Einführung von Fließbandproduktion wurde industrielle Produktion skalierbar und effizient.
Industrie 3.0 – Digitalisierung und Automatisierung
Der Einsatz von Computern und Informationstechnologie führte zur Automatisierung vieler industrieller Prozesse.
Industrie 4.0 – Vernetzung und intelligente Systeme
Industrie 4.0 beschreibt die Vernetzung von Maschinen, Daten und Prozessen über digitale Infrastrukturen. Cyber-physische Systeme, Sensorik und Datenplattformen ermöglichen neue Formen der Automatisierung und Steuerung.
Industrie 5.0 – Menschzentrierung, Nachhaltigkeit und Resilienz
Als Weiterentwicklung von Industrie 4.0 rückt Industrie 5.0 den Menschen wieder stärker in den Mittelpunkt. Technologie soll nicht nur effizient sein, sondern auch menschenzentriert, nachhaltig und resilient gestaltet werden.
Industrie 6.0 – Vision einer symbiotischen Mensch-Technologie-Kooperation
Industrie 6.0 wird derzeit vor allem als Zukunftskonzept diskutiert. Häufig geht es dabei um die noch engere Integration von künstlicher Intelligenz, autonomen Systemen, digitalen Zwillingen und nachhaltigen digitalen Ökosystemen.
Auch wenn diese Einteilung vereinfacht ist, zeigt sie, wie sich der Fokus technologischer Entwicklungen im Laufe der Zeit verändert hat.
Pflege 4.0 – Digitalisierung der Pflege
Analog zur Industrie wurde auch in der Pflege der Begriff Pflege 4.0 geprägt. Er beschreibt die zunehmende Digitalisierung von Pflegeprozessen und die Integration von Informationssystemen in den Versorgungsalltag.
Typische Beispiele dafür sind:
- elektronische Pflegedokumentation,
- mobile Dokumentation am Point of Care,
- Telepflege und Telemonitoring,
- sensorbasierte Assistenzsysteme,
- datenbasierte Qualitätsindikatoren.
Die Pflegeinformatik spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie verbindet pflegewissenschaftliche Perspektiven mit Informationstechnologie und trägt dazu bei, dass digitale Lösungen sinnvoll in den Pflegealltag integriert werden können.
Der Fokus von Pflege 4.0 lag dabei lange vor allem auf Digitalisierung, Effizienz und Datenverfügbarkeit.
Doch mit den aktuellen Entwicklungen rund um künstliche Intelligenz, Datenräume und Plattformökonomien verändert sich dieser Fokus zunehmend.
Industrie 5.0 und die Frage nach einer „Pflege 5.0“
Industrie 5.0 bringt eine interessante Perspektivverschiebung mit sich: Technologie soll nicht mehr primär Prozesse automatisieren, sondern Menschen unterstützen.
Für die Pflege ist diese Idee besonders relevant. Schließlich steht hier der Mensch – sowohl als Patient*in als auch als Pflegeperson – im Zentrum.
Überträgt man die Prinzipien von Industrie 5.0 auf die Pflegeinformatik, ergeben sich mehrere zentrale Entwicklungen.
Menschzentrierte Informationssysteme
Digitale Systeme müssen sich stärker an den Arbeitsrealitäten der Pflege orientieren. Benutzerfreundlichkeit, intuitive Workflows und eine Reduktion der Dokumentationsbelastung werden zu zentralen Anforderungen.
KI als Entscheidungsunterstützung
Künstliche Intelligenz kann Pflegekräfte unterstützen, etwa durch:
- Risikoerkennung (z. B. Sturz, Dekubitus oder Delir),
- Frühwarnsysteme,
- Entscheidungsunterstützung,
- prädiktive Versorgungsplanung.
Dabei geht es weniger um Automatisierung als um Unterstützung klinischer Entscheidungen.
Daten als Grundlage für Versorgungsentwicklung
Mit der zunehmenden Digitalisierung entstehen große Mengen an Versorgungsdaten. Diese können genutzt werden für:
- Qualitätsentwicklung,
- Versorgungsforschung,
- evidenzbasierte Pflegeplanung,
- Population-Health-Analysen.
Die Pflegeinformatik übernimmt dabei eine wichtige Rolle als Übersetzerin zwischen Daten, Technologie und Pflegepraxis.
Industrie 6.0 – intelligente Ökosysteme und autonome Systeme
Während Industrie 5.0 vor allem die menschzentrierte Gestaltung von Technologie betont, wird in aktuellen Forschungsarbeiten bereits eine weitere Entwicklungsstufe diskutiert: Industrie 6.0.
Industrie 6.0 wird als Vision hochgradig vernetzter, intelligenter und autonomer Systeme, die verschiedene technologische Entwicklungen miteinander verbinden, beschrieben. Dazu zählen unter anderem generative künstliche Intelligenz, digitale Zwillinge, 6G-Kommunikationsnetze, das Internet of Anything (IoX) sowie neue Formen verteilter Datenverarbeitung.
Im Gegensatz zu früheren industriellen Paradigmen geht es dabei nicht nur um effizientere Produktion, sondern um komplexe digitale Ökosysteme, in denen physische und digitale Systeme kontinuierlich miteinander interagieren.
Zu den zentralen technologischen Bausteinen von Industrie 6.0 zählen laut aktueller Forschung insbesondere:
- Automatisierte digitale Zwillinge, die physische Systeme virtuell abbilden und deren Verhalten simulieren können,
- Generative KI, die Entscheidungsprozesse und Steuerungssysteme unterstützt,
- Metaverse-basierte virtuelle Umgebungen für Planung, Simulation und Training,
- Internet-of-Anything-Netzwerke, in denen unterschiedlichste Geräte und Systeme miteinander kommunizieren,
- neue Kommunikationsinfrastrukturen wie 6G, die extrem schnelle und latenzarme Datenverarbeitung ermöglichen.
Diese Technologien ermöglichen eine Umgebung, in der Systeme zunehmend autonom Entscheidungen treffen, Prozesse optimieren und komplexe Abläufe koordinieren können.
Gleichzeitig wird Industrie 6.0 häufig als Fortsetzung der Entwicklungen aus Industrie 5.0 verstanden – also als Kombination aus menschzentrierter Gestaltung und hochintelligenter Automatisierung.
Was bedeutet das für die Pflegeinformatik?
Überträgt man diese Ideen auf das Gesundheitswesen, entstehen interessante Zukunftsperspektiven.
Technologien wie digitale Zwillinge, KI-gestützte Analyseplattformen oder hochvernetzte Datenökosysteme könnten beispielsweise dazu beitragen,
- Versorgungssysteme besser zu koordinieren,
- komplexe Versorgungsverläufe zu simulieren,
- Risiken frühzeitig zu erkennen,
- personalisierte Versorgungsstrategien zu entwickeln.
Ein Beispiel dafür ist das Konzept des digitalen Zwillings: Dabei handelt es sich um ein digitales Modell eines realen Systems, das mit kontinuierlichen Daten aktualisiert wird und so Verhalten und Zustände simulieren kann.
Überträgt man dieses Prinzip auf die Gesundheitsversorgung, könnten solche Modelle künftig auch in der Versorgung einzelner Patient*innen oder ganzer Versorgungssysteme eingesetzt werden.
Für die Pflegeinformatik bedeutet das vor allem: Die Rolle als Schnittstelle zwischen Technologie, Daten und Pflegepraxis wird in Zukunft noch wichtiger werden.
Fazit: Pflegeinformatik als Brücke zwischen Pflege und Technologie
Die Diskussion rund um Industrie 5.0 und mögliche Visionen einer Industrie 6.0 zeigt vor allem eines: Technologische Innovation allein reicht nicht aus. Entscheidend ist, wie Technologie gestaltet wird und welchen Nutzen sie für Menschen bringt.
Genau an dieser Schnittstelle arbeitet die Pflegeinformatik. Sie verbindet pflegerische Expertise mit technologischer Entwicklung und trägt dazu bei, dass digitale Lösungen nicht nur technisch funktionieren, sondern auch in der Praxis sinnvoll eingesetzt werden können.
Vielleicht geht es daher in Zukunft weniger darum, ob wir von Pflege 4.0 oder Pflege 5.0 sprechen.
Viel wichtiger ist die Frage, wie wir Digitalisierung so gestalten, dass sie Pflegekräfte unterstützt, Patient*innen stärkt und Versorgungssysteme resilienter macht.
Weiterführende Links:
*Beitrag wurde mit KI Unterstützung recherchiert und ausgearbeitet

