Multimodale Dokumentation in der Pflege: Wie Sprache, Sensorik, Bilddaten und KI die Dokumentation verändern
Die Pflegedokumentation steht seit Jahren unter einem Spannungsfeld: Einerseits steigen die Anforderungen an Qualität, Nachvollziehbarkeit und rechtssichere Dokumentation. Andererseits erleben Einrichtungen einen zunehmenden Fachkräftemangel und einen wachsenden Zeitdruck im Versorgungsalltag.
Gleichzeitig entstehen während der Versorgung immer mehr digitale Informationen. Pflegefachpersonen dokumentieren Beobachtungen in elektronischen Dokumentationssystemen, erfassen Assessments und Vitalwerte, erstellen Wundfotos oder arbeiten mit digitalen Assistenzsystemen. Hinzu kommen Daten aus Sensorik, Hausnotrufsystemen, Telemonitoring-Lösungen und mobilen Endgeräten.
Problem: Dokumentation zwischen Informationsflut und Fachkräftemangel
Diese Informationen liegen häufig in getrennten Systemen vor. Pflegekräfte müssen relevante Inhalte manuell zusammenführen und dokumentieren. Dadurch entstehen Medienbrüche, Doppelarbeit und potenzielle Informationsverluste.
Vor diesem Hintergrund gewinnt ein Konzept an Bedeutung, das in der Gesundheitsinformatik bereits intensiv diskutiert wird: die multimodale Dokumentation. Ziel ist es, unterschiedliche Informationsquellen automatisiert zusammenzuführen und für die pflegerische Entscheidungsfindung nutzbar zu machen.
Hintergrund: Was bedeutet multimodale Dokumentation?
Multimodalität beschreibt die Verarbeitung verschiedener Datentypen innerhalb eines gemeinsamen Systems. Während klassische Pflegedokumentation überwiegend auf strukturierten Eingaben und Freitext basiert, integriert die multimodale Dokumentation unterschiedliche Informationsquellen gleichzeitig.
Dazu gehören unter anderem:
- Spracheingaben,
- Textdokumentation,
- Bilddaten,
- Videodaten,
- Sensordaten,
- strukturierte Gesundheitsdaten sowie
- KI-generierte Informationen.
Das Ziel besteht darin, Informationen nicht isoliert zu betrachten, sondern im Versorgungskontext miteinander zu verknüpfen.
Für die Pflege ist dieser Ansatz besonders relevant. Pflegerische Entscheidungen entstehen selten auf Basis eines einzelnen Parameters. Vielmehr werden Beobachtungen zum Hautzustand, Mobilitätsverhalten, Ernährungsstatus, Vitalparametern, kognitiven Veränderungen und dem bisherigen Pflegeverlauf gemeinsam bewertet.
Moderne KI-Systeme können diese unterschiedlichen Datenquellen zunehmend zusammenführen und kontextbezogen analysieren. Damit verändert sich die Dokumentation von einer reinen Dateneingabe hin zu einem intelligenten Informationsmanagement.
Aktuelle Entwicklungen
Spracheingabe: Von der Diktierfunktion zur Ambient Documentation
Die technologisch am weitesten entwickelte Form multimodaler Dokumentation ist die Spracheingabe.
Systeme wie Dragon Medical One, Dragon Ambient eXperience (DAX) oder der 2025 vorgestellte Dragon Copilot von Microsoft und Nuance nutzen moderne Spracherkennung und generative KI, um gesprochene Informationen automatisch zu transkribieren und strukturiert aufzubereiten.
Die Entwicklung geht dabei deutlich über klassische Diktierlösungen hinaus. Ambient-Documentation-Systeme erfassen Gespräche oder Berichte im Hintergrund und generieren daraus Dokumentationsvorschläge. Pflegefachpersonen müssen die Informationen anschließend lediglich prüfen und freigeben.
Insbesondere für Pflegevisiten, Übergaben oder Verlaufsberichte eröffnet dies neue Möglichkeiten, Dokumentationsaufwand zu reduzieren und Informationen näher am tatsächlichen Versorgungsgeschehen zu erfassen.
Reifegrad: Hoch. Die Technologie ist verfügbar und wird bereits in zahlreichen klinischen Einrichtungen eingesetzt.
Bildverarbeitung: Wunddokumentation als Vorreiter
Bilddaten spielen insbesondere in der Wundversorgung eine zentrale Rolle. Moderne Systeme ermöglichen die strukturierte Erfassung von Wundfotos und deren Verknüpfung mit pflegerischen Verlaufsinformationen.
Internationale Standards wie DICOM, DICOMweb und HL7 FHIR schaffen die Grundlage dafür, Bildinformationen gemeinsam mit klinischen Daten auszutauschen und langfristig verfügbar zu halten.
Praxisbeispiel:
Eine Pflegefachperson dokumentiert eine chronische Wunde mittels Smartphone. Das Bild wird automatisch dem Pflegefall zugeordnet, mit Zeitstempel versehen und gemeinsam mit Wundparametern gespeichert. Bei Folgeaufnahmen können Veränderungen der Wundgröße oder Gewebestruktur über den Verlauf nachvollzogen werden.
Reifegrad: Mittel bis hoch. Die technische Basis ist etabliert, die Integration in pflegerische Dokumentationsprozesse jedoch noch uneinheitlich.
Videoanalyse: Potenzial für Mobilitäts- und Sturzprävention
Videoanalysen befinden sich aktuell überwiegend in Pilotprojekten und Forschungsanwendungen.
Mithilfe von KI können Bewegungsmuster analysiert und pflegerelevante Ereignisse erkannt werden. Dazu gehören beispielsweise Veränderungen der Mobilität, Transferaktivitäten oder potenzielle Sturzsituationen.
Im Unterschied zu klassischen Überwachungssystemen steht nicht die permanente Videoaufzeichnung im Vordergrund, sondern die automatisierte Analyse relevanter Bewegungsinformationen.
Reifegrad: Niedrig bis mittel. Die Technologien zeigen Potenzial, sind jedoch bislang nur vereinzelt im Routineeinsatz anzutreffen.
Sensordaten: Kontinuierliche Beobachtung statt Einzelmessung
Ein weiterer Baustein multimodaler Dokumentation sind Sensordaten.
Anbieter wie Philips, EarlySense oder Tunstall entwickeln Lösungen zur kontinuierlichen Erfassung von Vital- und Aktivitätsdaten. Hierzu gehören unter anderem Herzfrequenz, Atemfrequenz, Bettbelegung, Bewegungsmuster oder Sturzerkennung.
Die Besonderheit liegt darin, dass nicht einzelne Messwerte dokumentiert werden, sondern kontinuierliche Datenströme entstehen. Dadurch lassen sich Entwicklungen erkennen, die bei punktuellen Messungen möglicherweise verborgen bleiben.
Praxisbeispiel:
Ein Sensorsystem registriert eine schrittweise sinkende Mobilität sowie zunehmende nächtliche Unruhe. Gemeinsam mit pflegerischen Beobachtungen können diese Informationen Hinweise auf ein beginnendes Delir oder eine klinische Verschlechterung liefern.
Reifegrad: Mittel bis hoch. Sensorik wird bereits in Akutversorgung, Langzeitpflege und Telemonitoring eingesetzt.
Strukturierte Gesundheitsdaten: Die Grundlage für Interoperabilität
Multimodale Dokumentation setzt voraus, dass unterschiedliche Systeme Informationen austauschen können.
Der internationale Standard HL7 FHIR (Fast Healthcare Interoperability Resources) hat sich in den vergangenen Jahren als zentrale Grundlage für Interoperabilität etabliert. FHIR ermöglicht den standardisierten Austausch von Beobachtungen, Diagnosen, Assessments, Vitalparametern und pflegerischen Informationen.
Besonders relevant ist die Kombination von FHIR mit Clinical Imaging und DICOM-basierten Bildstandards. Dadurch können Bilder, strukturierte Daten und Dokumentationseinträge gemeinsam verarbeitet werden.
Reifegrad: Hoch. FHIR entwickelt sich zunehmend zum Standard moderner Gesundheitsplattformen.
KI-Assistenten: Die nächste Entwicklungsstufe
Die aktuell dynamischste Entwicklung betrifft multimodale KI-Assistenten.
Diese Systeme kombinieren Sprache, Text, Bilder, strukturierte Daten und Kontextinformationen aus elektronischen Patientenakten. Ziel ist es, Informationen automatisiert aufzubereiten und für die Dokumentation oder Entscheidungsunterstützung bereitzustellen.
Ein zukünftiger KI-Pflegeassistent könnte beispielsweise:
- einen mündlichen Pflegebericht erfassen,
- aktuelle Vitaldaten berücksichtigen,
- Wundbilder analysieren,
- relevante Informationen aus der Dokumentation einbeziehen,
- und daraus einen strukturierten Verlaufsbericht generieren.
Damit entsteht erstmals die Möglichkeit, unterschiedliche Informationsquellen innerhalb eines einzigen Workflows zusammenzuführen.
Reifegrad: Mittel. Technologisch vorhanden, jedoch noch am Beginn breiter Implementierungen.
Chancen für die Pflege
Multimodale Dokumentation bietet erhebliche Potenziale für die pflegerische Versorgung.
Ein wesentlicher Vorteil liegt in der Reduktion manueller Dokumentationstätigkeiten. Informationen können dort erfasst werden, wo sie entstehen, anstatt später nachgetragen werden zu müssen.
Darüber hinaus verbessert sich die Datenqualität. Sprachaufzeichnungen, Bilder oder Sensordaten entstehen unmittelbar im Versorgungskontext und reduzieren die Gefahr unvollständiger oder retrospektiv rekonstruierter Dokumentation.
Auch die Objektivierung pflegerischer Beobachtungen gewinnt an Bedeutung. Während viele pflegerische Einschätzungen auf professioneller Beobachtung beruhen, können Sensorik und Bilddaten zusätzliche Evidenz liefern und Veränderungen über längere Zeiträume sichtbar machen.
Besonders interessant ist das Potenzial zur Früherkennung. Die Kombination verschiedener Datenquellen ermöglicht es, Veränderungen früher zu erkennen als durch einzelne Beobachtungen allein. Dies betrifft beispielsweise Sturzrisiken, Delirien, Dekubitusentwicklungen oder Verschlechterungen chronischer Erkrankungen.
Risiken
Trotz der Chancen sind die Risiken nicht zu unterschätzen.
Ein zentrales Problem besteht in möglichen Fehlinterpretationen durch KI-Systeme. Werden Daten falsch gewichtet oder relevante Kontextinformationen nicht berücksichtigt, können fehlerhafte Dokumentationsvorschläge entstehen.
Hinzu kommt das Risiko des sogenannten Automationsbias. Je überzeugender KI-generierte Vorschläge wirken, desto größer wird die Gefahr, dass sie ungeprüft übernommen werden.
Auch die technische Komplexität stellt viele Organisationen vor Herausforderungen. Unterschiedliche Datenquellen müssen integriert, Schnittstellen betrieben und Datenqualitätsprozesse etabliert werden.
Ein weiteres Thema betrifft die Datenmenge. Multimodale Systeme erzeugen deutlich mehr Informationen als klassische Dokumentationsverfahren. Nicht jede Information ist jedoch für die pflegerische Versorgung relevant. Ohne geeignete Filtermechanismen droht eine neue Form der Informationsüberlastung.
Praxisrelevanz
Für Pflegeorganisationen stellt sich nicht mehr die Frage, ob multimodale Dokumentation kommt, sondern in welcher Form sie implementiert wird.
Besonders relevant sind Anwendungen, die unmittelbar an bestehende Prozesse anschließen. Dazu zählen sprachgestützte Dokumentation, digitale Wunddokumentation sowie die Integration von Vital- und Sensordaten in bestehende Dokumentationssysteme.
Deutlich weniger ausgereift sind aktuell umfassende multimodale KI-Assistenten oder videobasierte Analysesysteme. Hier sollten Einrichtungen Entwicklungen beobachten, jedoch noch keine kurzfristigen Produktivitätsgewinne erwarten.
Entscheidend wird sein, frühzeitig interoperable Systemlandschaften aufzubauen. Nur wenn Daten über standardisierte Schnittstellen ausgetauscht werden können, lassen sich künftige multimodale Anwendungen wirtschaftlich integrieren.
Handlungsempfehlungen
Pflegedienstleitungen und Digitalisierungsverantwortliche sollten multimodale Dokumentation als strategisches Thema betrachten.
Ein sinnvoller Einstieg besteht in der Einführung sprachgestützter Dokumentation, da hier der höchste Reifegrad und die unmittelbarsten Effekte zu erwarten sind.
Bei Neubeschaffungen sollte konsequent auf FHIR-basierte Interoperabilität geachtet werden. Systeme ohne moderne Schnittstellen werden zukünftig erhebliche Integrationsprobleme verursachen.
Für die Wundversorgung empfiehlt sich die strukturierte Integration von Bilddaten anstelle isolierter Fotoarchive. Dadurch bleiben Informationen langfristig auswertbar und interoperabel nutzbar.
Beim Einsatz von Sensorik sollte der pflegerische Nutzen im Vordergrund stehen. Nicht jede technisch verfügbare Messgröße erzeugt einen relevanten Mehrwert für die Versorgung.
Schließlich sollten Einrichtungen frühzeitig Governance-Strukturen etablieren. Dazu gehören Regelungen für Datenschutz, Datenqualität, Verantwortlichkeiten, KI-Nutzung und Qualitätskontrolle.
Fazit
Multimodale Dokumentation markiert einen grundlegenden Wandel in der Pflegeinformatik. Spracheingabe, Bildverarbeitung, Sensorik und strukturierte Gesundheitsdaten wachsen zunehmend zu integrierten Informationssystemen zusammen. Während einzelne Technologien wie Sprachdokumentation oder FHIR-basierte Interoperabilität bereits einen hohen Reifegrad erreicht haben, befinden sich multimodale KI-Assistenten und Videoanalysen noch in einer frühen Entwicklungsphase.
Für Pflegeorganisationen liegt die zentrale Herausforderung nicht in der Einführung einzelner Technologien, sondern in ihrer sinnvollen Integration. Der eigentliche Mehrwert entsteht erst dann, wenn Informationen aus unterschiedlichen Quellen in einen gemeinsamen Versorgungskontext gebracht werden.
Die Entwicklung deutet darauf hin, dass sich Dokumentation in den kommenden Jahren von der aktiven Dateneingabe zunehmend zur automatisierten Datenerfassung entwickeln wird. Die Aufgabe der Pflegefachperson verschiebt sich damit von der Erfassung einzelner Informationen hin zur fachlichen Bewertung, Einordnung und Nutzung der verfügbaren Daten. Multimodale Dokumentation ist deshalb weniger ein neues Dokumentationswerkzeug als vielmehr ein neues Informationsmodell für die digitale Pflege.
Weitere Quellen:
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https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/regulatory-framework-ai
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https://www.edpb.europa.eu
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https://health.ec.europa.eu/ehealth-digital-health-and-care/european-health-data-space_en

