Evaluation elektronischer Pflegeprozessdokumentation im Akutbereich

von Viktoria Redl

Evaluation elektronischer Pflegeprozessdokumentation im Akutbereich

Die elektronische Pflegeprozessdokumentation (e-PPD) gilt als einer der zentralen Bausteine der digitalen Transformation im Gesundheitswesen. Sie soll Pflegequalität erhöhen, Prozesse strukturieren und Daten nutzbar machen. Doch wie gut funktioniert die e-PPD tatsächlich im klinischen Alltag? Welche Faktoren beeinflussen die Dokumentationsqualität? Und wie erleben Pflegefachpersonen die Arbeit mit digitalen Systemen?

Eine aktuelle Studie von Simone Elisabeth Gruber und Renate Ranegger (2025) geht genau diesen Fragen nach. Mit einem Mixed Methods Convergent Parallel Design evaluieren die Autorinnen ein bestehendes elektronisches Dokumentationssystem im akutstationären Setting – und liefern wichtige Erkenntnisse für Praxis, Forschung und Pflegeinformatik.

 

Hintergrund: Warum die Evaluation elektronischer Dokumentation so wichtig ist

Die Einführung elektronischer Dokumentationssysteme wird oft als logischer Digitalisierungsschritt betrachtet. Dabei zeigt sich in der Praxis immer wieder:
Technologie allein verbessert keine Pflegequalität. Erst das Zusammenspiel aus Prozessen, Organisation, Schulung und Akzeptanz entscheidet darüber, ob eine e-PPD effektiv genutzt wird.

Die Studie von Gruber & Ranegger trägt hier zu einer dringend benötigten Evidenzbasis bei. Sie untersucht nicht nur die formale Dokumentationsqualität, sondern setzt diese in Beziehung zur gelebten Praxis der Pflegefachpersonen.

 

Studiendesign: Mixed Methods Convergent Parallel Design

Die Studie kombiniert quantitative und qualitative Methoden:

Quantitativ: Analyse mit Q-DIO (Quality of Nursing Diagnoses, Interventions and Outcomes)

  • Untersuchung von 30 elektronischen Pflegedokumentationen
  • Fokus auf die Qualität der Pflegeprozessphasen:
    • Assessment
    • Pflegediagnosen
    • Pflegeplanung
    • Interventionen
    • Evaluation

Qualitativ: Interviews mit Pflegefachpersonen

  • 6 Expert:inneninterviews
  • Themen: Erfahrungen, Einschätzungen, Hürden und Verbesserungsbedarf

Beide Datenstränge werden anschließend parallel zusammengeführt, um Übereinstimmungen (Konvergenz) und Widersprüche (Divergenz) sichtbar zu machen.

Diese Methode bietet einen umfassenden Blick:
Was zeigt die Dokumentation – und was sagen die Menschen, die täglich damit arbeiten?

 

Ergebnisse: Qualität vorhanden – aber…

Die Analyse der elektronischen Pflegeprozessdokumentation zeigt ein differenziertes Bild: Während die quantitative Auswertung mit dem Instrument Q-DIO eine insgesamt gute Qualität der dokumentierten Pflegediagnosen belegt, spiegelt sich diese positive Bewertung nicht vollständig in der Wahrnehmung der befragten Pflegefachpersonen wider. Viele von ihnen äußern Zweifel an der Notwendigkeit und praktischen Relevanz der Pflegediagnosen im Arbeitsalltag, was auf eine deutliche Divergenz zwischen formaler Systemqualität und subjektiver Akzeptanz hinweist. Eine stärkere Übereinstimmung zwischen den beiden Datensätzen zeigte sich hingegen in den Bereichen Pflegeplanung, Interventionen und Evaluation. Sowohl die Dokumentenanalyse als auch die Expert:inneninterviews verdeutlichten, dass diese Phasen des Pflegeprozesses in der elektronischen Dokumentation grundsätzlich strukturiert, nachvollziehbar und konsistent abgebildet werden. Defizite wurden vor allem beim Pflegeassessment und der Formulierung individueller Pflegeziele sichtbar: Hier fehlten häufig vollständige Daten oder ausreichend spezifische Angaben, was teilweise auf fehlende Eingabehilfen oder unklare Dokumentationsstrukturen im System zurückzuführen ist. Insgesamt machen die Ergebnisse deutlich, dass das elektronische Dokumentationssystem zwar funktionale Stärken besitzt, die praktische Nutzung und Akzeptanz jedoch stark von der jeweiligen Phase des Pflegeprozesses und dem wahrgenommenen Nutzen im klinischen Alltag abhängen.

 

Interpretation: Mensch, Technik und Organisation bestimmen den Erfolg

Die Ergebnisse zeigen deutlich:
Elektronische Dokumentation entfaltet ihr Potenzial nur dann, wenn drei Ebenen gleichzeitig berücksichtigt werden:

  1. Mensch – Akzeptanz, Kompetenz & Nutzenverständnis: Pflegekräfte bewerten Dokumentation nach ihrem „praktischen Wert“ für die Versorgung. Formal hochwertige Diagnosen werden nur dann akzeptiert, wenn sie im Alltag hilfreich sind.
  1. Technik – Usability & Funktionalität: Strukturierte Eingaben, intuitive Bedienung und klare Abbildung des Pflegeprozesses sind entscheidend. Unklare Masken oder überfrachtete Formularfelder führen zu unvollständiger oder oberflächlicher Dokumentation.
  1. Organisation – Prozesse & Rahmenbedingungen: Dazu gehören:
  • Schulungen
  • Dokumentationsstandards
  • Zeitressourcen
  • Onboarding neuer Mitarbeiter:innen
  • Führungskräfte, die Dokumentation aktiv priorisieren

Die Studie zeigt, dass technische Qualität allein nicht ausreicht – es braucht eine systemische Perspektive.

 

Bedeutung für Pflegeinformatik

Die Studie liefert wichtige Impulse für die Weiterentwicklung elektronischer Dokumentationssysteme und unterstreicht zugleich die zentrale Rolle der Pflegeinformatik in diesem Transformationsprozess. Deutlich wird vor allem, dass standardisierte Instrumente wie Q-DIO einen wertvollen Beitrag zur objektiven Bewertung der Dokumentationsqualität leisten und stärker in Evaluations- und Qualitätsentwicklungsprozesse integriert werden sollten. Gleichzeitig betonen die Ergebnisse, wie entscheidend Schulung, Begleitung und ein strukturiertes Change Management für die erfolgreiche Nutzung elektronischer Pflegeprozessdokumentation sind. Akzeptanz entsteht nicht allein durch technologische Funktionalität, sondern durch ein klares Verständnis des Nutzens im Versorgungsalltag und eine enge Anbindung an etablierte Arbeitsabläufe. Dies macht deutlich, dass digitale Dokumentationssysteme nicht isoliert betrachtet werden dürfen: Sie müssen alltagsnah gestaltet, iterativ weiterentwickelt und eng mit den tatsächlichen Anforderungen der Pflege verknüpft sein. Darüber hinaus zeigt die Studie, dass hochwertige elektronische Dokumentation eine Voraussetzung für zukünftige Entwicklungen wie datenbasiertes Qualitätsmanagement, Forschung oder den Einsatz von KI in der Pflege ist. Sie schafft die Basis für valide, vergleichbare und nutzbare Daten, die über die reine Dokumentationspflicht hinausreichen. Insgesamt unterstreicht die Untersuchung von Gruber und Ranegger, wie eng technologische, menschliche und organisatorische Faktoren miteinander verwoben sind – und dass die Pflegeinformatik eine Schlüsselrolle dabei einnimmt, diese Elemente in praxistaugliche, wirksame Lösungen zu übersetzen.

Kernbotschaften für elektronische Dokumentationssysteme (created with Napkin)

 

Fazit

Elektronische Pflegeprozessdokumentation ist auf dem richtigen Weg – aber kein Selbstläufer. Die Studie von Gruber & Ranegger liefert wichtige Erkenntnisse für alle, die mit digitaler Dokumentation arbeiten: Elektronische Systeme können die Pflegeprozessdokumentation messbar verbessern. Aber der Erfolg hängt entscheidend davon ab, wie gut das System in den Alltag, die Kompetenzen und die Organisation eingebettet ist.

Für die digitale Transformation bedeutet das:
Wir brauchen nicht nur Technologie – sondern vor allem Wissen, Prozesse, Beteiligung und kontinuierliche Qualitätsentwicklung.

 

*Beitrag wurde mit KI Unterstützung recherchiert und zusammengefasst

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